„Über Gewicht. Wir müssen gestalten.“ – Parlamentarischer Abend im Allianzforum Berlin setzte neue Impulse für Ernährungspolitik und Prävention

Dr. Nicole Lauscher, Dr. Dennis Ballwieser, Prof. Dr. Marion Nestle, Tina Haase Fotocredit: © Tanja Schnitzler

„Wir dürfen den Menschen nichts vorschreiben, viel mehr müssen wir sie motivieren und ihnen zeigen, warum es lohnt, gesund zu essen. Das kann aber wiederum nur gelingen, wenn wir die Umgebung und Gesellschaft auch dementsprechend gestalten. Gesunde Ernährung sollte einfach sein“, sagte Dr. Tanja Machalet (SPD), Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages, im Rahmen des Parlamentarischen Abends, zu dem die Apotheken Umschau eingeladen hatte. Als jemand, den der Kampf mit den Pfunden seit Kindertagen begleitet, liegt ihr das Thema Adipositas-Prävention sehr am Herzen, aber auch, dass sich Betroffene nicht gegängelt oder bevormundet fühlen. 

Keynote von Marion Nestle: Politik und gesunde Ernährung gehören zusammen

Die Keynote des Abends hielt eine der weltweit einflussreichsten Stimmen der Ernährungspolitik: Prof. Dr. Marion Nestle, Professorin emerita für Nutrition, Food Studies & Public Health an der New York University. Sie sprach in ihrem Vortrag darüber, dass es sehr schlecht fürs Geschäft sei, Übergewicht vorzubeugen. Seit den 80er Jahren habe sich unsere Ernährungsumgebung gravierend verändert. Die Portionen seien größer geworden, die hochverarbeiteten Lebensmittel hätten die Supermärkte geflutet: „Es geht nur um Profit. Wir bestimmen längst nicht mehr, was wir essen. Wirtschaftliche Interessen der Lebensmittelindustrie und politische Systeme haben einen enormen Einfluss auf das, was im Einkaufskorb und letztlich auf dem Teller landet. Wir müssen endlich den Mut haben, unabhängig von wirtschaftlichem Druck evidenzbasiert zu handeln, für ein System, das Gesundheit fördert, nicht verhindert.“ 

Vom Reden zum Handeln – jetzt geht es ums Gestalten 

Mit der Veranstaltung setzt die Apotheken Umschau ihre großangelegte Adipositas-Kampagne fort: Knapp 100 Gäste aus Politik, Wissenschaft, Versorgung und Selbsthilfe waren der Einladung gefolgt, um zu erörtern, wie Ernährungspolitik gestaltet werden müsste, damit es den Deutschen leichter fällt, im Alltag gesunde Entscheidungen zu treffen. Bei einer Sache waren sich alle einig: Um den Kampf gegen Übergewicht langfristig zu gewinnen, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Prävention nimmt dabei eine tragende Rolle ein. Sie muss strukturell gedacht und praktisch ermöglicht werden. 

Strukturwandel, Haltung und Qualität 

PD Dr. Sarah Forberger, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), erklärte, dass es nicht reiche, die Probleme und Hürden zu benennen oder auch aufgeklärt darüber zu sein, was gesund und was ungesund sei: „Wissen allein verändert Verhalten nicht. Präventionsforschung zeigt, wie Bedingungen geschaffen werden können, die gesunde Ernährung und Gewichtsregulation im Alltag unterstützen.“ 

Christel Moll, 1. Vorsitzende des Adipositas Verbands Deutschland e.V., ergriff das Wort im Namen aller Betroffenen. Sie betonte einmal mehr, dass nicht nur die Prävention ein wichtiger Baustein sei, sondern auch die Therapie übergewichtiger Menschen. Als sie berichtete, wie ihre Schwester an den Folgen ihres massiven Übergewichts starb, war es mucksmäuschenstill im Saal: „Wir müssen endlich aufhören, Adipositas als individuelles Versagen zu betrachten. Menschen kämpfen – jeden Tag! Und sie kämpfen nicht nur mit der Erkrankung, sondern auch mit Vorurteilen und Strukturen, die es ihnen schwer machen. Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, dann müssen wir genau dort ansetzen.“ 

Markus Müller, Vorstand der VIACTIV Krankenkasse, forderte in diesem Zusammenhang ein qualitativ hochwertigeres System, als wir es derzeit hierzulande haben. Dafür müssten allerdings Politik, Ärzteschaft und Kassen an einem Strang ziehen – mit Mut zu Reformen auf wissenschaftlicher Grundlage: „Nur so lässt sich die Versorgungsqualität für alle Versicherten dauerhaft erhöhen und auch bezahlen. Dabei gilt auch in vielen Fällen: Prävention geht vor Medikation.“ 

Prof. Dr. Christina Holzapfel, Professorin für Humanernährung an der Hochschule Fulda und Leiterin der Forschergruppe „Personalisierte Ernährung & eHealth“ an der TU München sprach sich für eine individuelle und vor allem kassenfinanzierte Ernährungsberatung aus: „Eine gesundheitsförderliche Ernährung ist gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Neben der Verhaltensprävention haben verhältnispräventive Maßnahmen großes Potenzial, unsere Ernährungsumgebung gesünder zu gestalten. Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel: Prävention geht uns alle an.“ 

Fazit: Gestaltung braucht gemeinsame Verantwortung 

Der Moderator des Abends, Dr. Dennis Ballwieser aus der Chefredaktion der Apotheken Umschau versprach, dass es nicht der letzte Parlamentarische Abend zum Thema Übergewicht gewesen sei: „Nachdem es uns durch unsere Kampagne bereits gelungen ist, die Sicht auf Adipositas und die Betroffenen zu verändern und der Diskurs ins Rollen gekommen ist, wäre es nun mein Wunsch, dass wir das nächste Mal auch Vertreter der Lebensmittelindustrie mit im Panel sitzen haben. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt.“ 

Der Parlamentarische Abend in Berlin zeigte: Der Wille zum Wandel ist da – in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. Gleichzeitig diskutiert der Bundesrat wieder über eine Zuckersteuer die vor allem auf zuckerhaltige Getränke wie Limonaden und Energy Drinks abzielen soll. Es ist der perfekte Moment, den Worten endlich Taten folgen zu lassen. Jetzt heißt es: gestalten statt verwalten, damit gesunde Ernährung zur einfachen Wahl für alle wird und die Adipositas-Epidemie endlich ausgebremst werden kann. 

Unterstützt wurde die Veranstaltung von einem starken Kooperationspartner: dem Adipositas Verband Deutschland e.V.. Sponsoren der Veranstaltung waren Lilly Deutschland und Novo Nordisk. Organisiert wurde der Abend von der Vita Health Media GmbH, einer Tochter-Agentur der Wort & Bild-Mediengruppe. 

Dr. Dennis Ballwieser bei der Eröffnung des Abends Fotocredit: © Tanja Schnitzler